Rückblick

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Bilder der Tagung

Genossenschaftliche Selbsthilfe als Erfolgsmodell für die Zukunft

- Rund 200 Teilnehmer aus aller Welt diskutieren bei der XVI. IGT in Köln über Beiträge genossenschaftlicher Selbsthilfe zur wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung
- Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus erhält Wissenschaftspreis der AGI

Köln – Rund 200 Wissenschaftler und Praktiker aus dem Genossenschaftswesen und der Kooperationsforschung haben an der XVI. Internationalen Genossenschaftswissenschaftlichen Tagung in Köln teilgenommen. Vom 7. bis zum 9. Oktober diskutierten renommierte Experten aus 15 Nationen in den Räumen der Universität zu Köln Beiträge genossenschaftlicher Selbsthilfe zur wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung. Das Seminar für Genossenschaftswesen der Universität zu Köln hatte die Tagung im Auftrag der Arbeitsgemeinschaft Genossenschafswissenschaftlicher Institute (AGI) organisiert.
Zum Auftakt der Veranstaltung verlieh die AGI ihren durch die DZ Bank Stiftung finanzierten Internationalen Wissenschaftspreis an den Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus. Der Wirtschaftswissenschaftler aus Bangladesh bekam im Jahr 2006 den Nobelpreis für die von ihm gegründete Grameen Bank, die Mikrokredite an kleine Gewerbetreibende in Entwicklungsländern vergibt. Yunus zeigte sich hocherfreut über die Auszeichnung der AGI. „Es war eine große Überraschung für mich, aber eine sehr schöne Überraschung“, sagte Yunus. Der Nobelpreisträger berichtete über die Entwicklung der Grameen Bank in Bangladesh. Am Anfang seiner Arbeit sei er geschockt gewesen, erfahren zu müssen, „dass Menschen für so wenig Geld leiden müssen“. Er habe aber auch gesehen, dass das Problem lösbar sei und das sogar ganz einfach. Fast alle Antragssteller der Grameen Bank sind Frauen, die mit den Mikrokrediten kleine Geschäfte finanzieren.
Vor der Preisverleihung hatten der Rektor der Universität zu Köln, Axel Freimuth, der Vorstand des Deutschen Genossenschafts- und Raiffeisenverbandes, Eckhard Ott und die nordrheinwestfälische Wirtschaftsministerin Christa Toben die Teilnehmer der Tagung in Köln begrüßt. Angesichts zunehmender Konzentrationsprozesse sei die Genossenschaft ein Erfolgsmodell, das für Stabilität und Wettbewerbsfähigkeit sorge, sagte Thoben. „Kooperationen sichern die Chancen des Mittelstands angesichts der Herausforderungen des 21. Jahrhunderts“, erklärte die Ministerin. Im Festvortrag skizzierte Wolfgang Hardtwig von der Humboldt-Universität Berlin über 800 Jahre Geschichte der genossenschaftlichen Selbsthilfe.
An den folgenden beiden Tagen trafen sich die Teilnehmer zu Vorträgen, Debatten und Podiumsdiskussionen zu den Themenkomplexen Mittelstandsentwicklung, soziale Dienstleistungen und Entwicklungsförderung, die in drei verschiedenen Säulen besprochen wurden. Zunächst standen Vorträge zur wissenschaftlichen Grundlegung auf dem Programm, anschließend diskutierten die Teilnehmer praktische Probleme aus Sicht der Wissenschaft, der Verbände und der Genossenschaften, um zum Schluss auf Forschungsdesiderate einzugehen.
Vor dem Gesamtplenum referierten unter anderem die als zukünftige Wirtschaftsnobelpreisträgerin gehandelte Elinor Ostrom von der Indiana University und der Kölner Leibnizpreisträger Axel Ockenfels. Ockenfels ging in seinem Vortrag auf den Zusammenhang zwischen Vertrauen, Kooperation und Fairness ein. „Schaffen Sie Vertrauenswürdigkeit“, so seine Aufforderung, um das Problem der Vertrauenskrise aufgrund asymmetrischer Information an der Wurzel anzupacken.
Elinor Ostrom erläuterte die Bedeutung von Sozialkapital und Kooperation in Collective-Action-Situationen. Sozialkapital sei ein zentrales Mittel kollektiver Handlungen, sagte Ostrom. Die Wissenschaftlerin erläuterte das Problem der Herausbildung geeigneter Institutionen, die das Verhalten der Akteure steuern. Vor dem Plenum referierten außerdem George Hendrikse von der Erasmus-Universität Rotterdam über Governance-Probleme und Entwicklung von Kooperationen sowie Wilhelm Krull von der Volkswagen-Stiftung zum Thema Forschung und Forschungsförderung zur kooperativen Selbsthilfe. Krull richtete sich in seinem Vortrag an die Zivilgesellschaft, die seiner Ansicht nach gegen bindungslose Individualisierung, aber auch gegen die umfassende Politisierung aller Lebensbereiche steht.
Nach den Vorträgen vor dem Gesamtplenum trafen sich die Teilnehmer an beiden Tagen jeweils in kleineren Gruppen in den drei verschiedenen Säulen. Unter dem Oberbegriff Mittelstandsentwicklung sprachen verschiedene Referenten über Formen genossenschaftlicher Kooperation. Während der renommierte Managementforscher Jörg Sydow den Zusammenhang zwischen Netzwerkbildung und Innovation thematisierte, konzentrierte sich Andreas Aulinger von der Steinbeis-Hochschule in Berlin auf das Social Entrepreneurship von Genossenschaften. Für die meisten Selbstständigen in Landwirtschaft, Handwerk und Handel ist die Unterstützung durch Produktions-, Einkaufs- und Kreditgenossenschaften schon seit Jahren nicht mehr wegzudenken.
Neben wissenschaftlichen Vorträgen berichteten Vertreter von Verbänden, Handelskonzernen und Banken über aktuelle Beispiele aus der genossenschaftlichen Praxis. Theresia Theurl vom Institut für Genossenschaftswesen an der Universität Münster moderierte eine Diskussion zwischen Peter Hanker (Vorsitzender der Voba Mittelhessen), George Hendrikse von der Erasmus-Universität Rotterdam und Hans Hofinger vom Genossenschaftsverband Schulze-Delitzsch aus Österreich. Auf dem Podium saßen außerdem Vertreter aus Unternehmen, wie Werner Schmitz von der REWE Group, Marion Pester von der DZ Privatbank Zürich sowie Kees Wantenaar, Vorsitzender der Campina Genossenschaft der Niederlande. Alle Podiumsteilnehmer betonten die Vorzüge der genossenschaftlichen Rechtsform bzw. des genossenschaftlichen Verbundes für den Mittelstand für die grenzüberschreitende Zusammenarbeit.
Im Bereich soziale Dienstleistungen wurden die Anregungen der Einführungsreferate von Ockenfels und Ostrom aufgegriffen. Die Politikwissenschaftlerin Annette Zimmer von der Universität Münster kennzeichnete Genossenschaften als zivilgesellschaftliche Organisationen, Gabriel Obermann von der Wirtschaftsuniversität in Wien erläuterte Probleme und Perspektiven der Erbringung von Dienstleistungen von allgemeinem Interesse. Diese Aspekte wurden in den nachfolgenden Vorträgen vertieft. Außerdem standen drei Workshops zu Wohn- und Konsumgenossenschaften sowie zur kommunalen Versorgung auf dem Programm. Beispiele waren hier etwa Wohnen im Alter, bürgerschaftliches Engagement sowie genossenschaftliche Dorf- und Stadtteilläden. Referenten aus Weißrussland, Großbritannien, Schweden und Griechenland gingen auf länderspezifische Vorteile kooperativer Selbsthilfe bei der Versorgung mit sozialen Dienstleistungen ein.
In der Säule Entwicklungsförderung diskutierten die Teilnehmer unter anderem den Beitrag von Genossenschaften als Instrument staatlicher Entwicklungspolitik. Die Referenten kamen unter anderem aus internationalen Organisationen wie der International Labour Organization (Hagen Henrÿ) oder der International Co-operative Alliance (Maria Elena Chávez Hertig). In den Vorträgen und Diskussionen ging es zum Beispiel um landwirtschaftliche Kooperationsformen etwa im Kosovo oder Vietnam. Außerdem spielte die Förderung über Mikrokredite eine große Rolle. Ralf Radermacher von der Micro Insurance Academy im indischen Delhi ging etwa auf den Vorteil kooperativer Selbsthilfe für Krankenversicherungen ein.
Als am letzten Veranstaltungstag Ergebnisse der Tagung zusammengetragen wurden, kamen viele der Gruppen zum gleichen Ergebnis: Die genossenschaftswissenschaftliche Forschung sowie die Praxiserfahrungen mit Genossenschaften sind zu vielfältig, um sie auf einen Nenner bringen zu können. Die Referenten betonten in ihren Schlussworten, die IGT sei ein Forum für den Dialog zwischen Theorie und Praxis gewesen. Sie lobten die vielfältigen Möglichkeiten zum Erfahrungs- und Gedankenaustausch über verschiedene Fachbereiche hinweg.
Der Leiter des Seminars für Genossenschaftswesen der Universität zu Köln, Hans Jürgen Rösner bedankte sich für die rege Teilnahme und die interessanten Vorträge.
Die Entscheidung über den nächsten Tagungsort der IGT wird auf dem Frühjahrstreffen der AGI im April 2009 in der Genossenschaftsakademie in Baunatal getroffen werden.

► Die erste Internationale Genossenschaftswissenschaftliche Tagung (IGT) fand im Jahr 1954 statt und wurde danach regelmäßig veranstaltet. Seit der Gründung der Arbeitsgemeinschaft Genossenschaftswissenschaftlicher Institute (AGI) im Jahre 1969 (am Vorabend der VI. IGT in Gießen) ist die AGI für die kontinuierliche Durchführung der IGT verantwortlich. Die AGI ist der Zusammenschluss aller universitätsnahen Genossenschaftsinstitute im deutschsprachigen Raum.
► Das Seminar für Genossenschaftswesen der Universität zu Köln wurde 1926 gegründet und ist damit eines der ältesten Seminare für Genossenschaftswesen in Deutschland. Sein breit angelegtes Lehr- und Forschungsprogramm umfasst neben betriebs- und volkswirtschaftlichen Perspektiven auch die sozialwissenschaftliche Sicht auf kooperatives Wirtschaften und genossenschaftliche Unternehmen. Unter der Leitung von Hans Jürgen Rösner stellt die Rolle von Genossenschaften in der Entwicklungsförderung einen Schwerpunkt des Seminars dar. Mikroversicherungen und ihr Beitrag zu sozialen Sicherungssystemen für arme Bevölkerungsgruppen rückten dabei in den letzten Jahren in den Mittelpunkt.